HINNERK 12/2009, SEITE 6, STADTGESCHICHTE, WEINSTUBE DORF

It Takes A Village

Axel Strehlitz, Sebastian Westkamp und Timo Dahlmeier
haben die traditionsreiche Weinstube Dorf übernommen und fühlen sich wie bei Oma.

Timo, im Dorf kann man „Happas“ bestellen – was ist das?

Timo: Klassische deutsche Gerichte wie Königsberger Klopse, Buletten oder Zwiebelrostbraten – serviert in Tapas-Größe. Leider stellen wir gerade fest, dass das zu zweit in der Küche sehr schwierig umzusetzen ist. Daran feilen wir noch.

Warum habt ihr euch für deutsche Küche entschieden?

Sebastian: Wir lieben Gerichte wie Schnitzel, Roulade und Ente. Die Idee, ein Restaurant aufzumachen, kam uns auf Cran Canaria. Dort haben wir furchtbar schlecht deutsch gegessen und uns gedacht: Wenn man mit so schlechtem Essen die Bude voll bekommt, sollte das mit gutem Essen umso mehr gelingen. Axel macht die wirtschaftliche Seite, ich habe extra dafür kochen gelernt.

Was bestellen die Gästen am liebsten?

Sebastian: Roulade mit Rotkohl.

Timo: Mir haben schon viele Gäste erzählt: Die habe ich zuletzt bei meiner Oma gegessen.

Axel: Damit passt das Dorf auch in die Zeit. Es vermittelt ein Gefühl von Sicherheit, weil man die Gerichte noch von zu Hause kennt. Ich habe den Eindruck, die Leute haben genug von puristischen Räumen, wo alles stylish ist. Das Dorf vermittelt Geborgenheit wie bei Oma.

Habt ihr diese Gerichte noch in der Ausbildung gelernt?

Timo: Nein. Schon bei den Vorrecherchen habe ich gemerkt: Meine Güte, da muss ich mich richtig darauf einstellen. Das heißt: Wir machen das Brot selber, die Maultaschen, die Spätzle –  eine Heidenarbeit! Aber wenn uns abends die Gäste loben, haben wir das super Gefühl: Alles ist selbstgemacht!

Was sagt das alte Stammpublikum, das den Laden noch als heimliche Kantine des Schauspielhauses kennt?

Axel: Die kommen erst sehr skeptisch rein, sehen dann, dass die alten Bilder noch hängen und sind versöhnt. Viele St. Georgianer hatten befürchtet, dass nun feine Leute kommen und alles auf den Kopf stellen, weil der Stadtteil gerade hip ist.

Hattet ihr keine Angst, am Laufsteg Lange Reihe in den Keller zu ziehen?

Axel: Nein, das neue Fenster ist doch unsere Werbefläche: Der Tisch dahinter ist auch nachts eingedeckt. Wenn dort ein paar kuschelige Kerzen stehen, trauen sich die Leute rein. Und ich finde Keller nun mal lauschig. Ich komme ja aus dem Dunkeln. (lacht) Tageslicht gibt es weder in der Wunderbar noch im 136 Grad.

Sebastian: Axel und ich haben sehr stressige Berufe. Deshalb haben wir uns ein Lokal gesucht, das so gemütlich ist, wie wir es gerne haben – weil wir hier in Zukunft mehr Zeit zusammen verbringen werden als bei uns zu Hause.

Wieso heißt das Dorf denn Dorf?

Sebastian: Na, weil St. Georg einfach wie ein Dorf ist!

Axel: Die Weinstube Dorf war wohl von Anfang an als Anlaufpunkt für alle Dorfbewohner gedacht. Obwohl sich seitdem viel verändert hat, begreifen wir Schwule St. Georg ja inzwischen auch als unser Dorf. Und auch die alten Dörfler kommen gerne. Sie sind froh, dass ihre Weinstube wieder gut bewirtschaftet wird.